Könnt ihr den Spiegel abhängen? – Das war der Wunsch unseres von Windpocken geplagten Kindes. Beim Vorbeigehen schaute es in den Wandspiegel und war entsetzt. Ich sehe schrecklich aus! Ihm zu widersprechen wäre unehrlich gewesen bei seinem von unzähligen Bläschen übersäten Gesicht. Wir hängten den Spiegel ab und verstauten ihn. Ende der Woche platzierten wir ihn dann mit seinem Einverständnis wieder an die gewohnte Stelle. Die Bläschen wichen vom Gesicht.

Diese Situation aus dem Familienalltag hat Potenzial zum Sinnbild. Unser Kind schaffte vorübergehend sein Spiegelbild aus dem Raum. Will heissen: Pause vom Anblick des eigenen Körpers sowie Pause von der Konfrontation mit dem eigenen Ich.

Anblick des eigenen Körpers: Solange pandemiebedingt viele Begegnungen digital laufen, bin ich aussergewöhnlich oft mit dem Anblick meines eigenen Gesichtes konfrontiert. Ganz verzichten kann ich also schwerlich. Auch in Zeiten ohne Videokonferenzen scheint mir ein kurzer morgendlicher Blick in den Spiegel für ein einigermassen gepflegtes Erscheinungsbild vernünftig – aus Respekt gegenüber andern. Zugleich erlebe ich Pausen vom Spiegelbild als befreiend und erdend. Beim Campieren etwa, wo meine Aufmerksamkeit ganz dem Moment und elementaren Dingen wie Nahrungsbeschaffung gilt. Kurz gesagt: Mehr Sein, weniger Schein.

Konfrontation mit dem eigenen Ich: Rückblickend gibt es Lebensphasen, in denen Selbstreflexion besonders wichtig war. Die Jugend war zweifelsohne eine davon. Bestimmt nötig und sinnvoll, hie und da die eigene Prägung, Gefühle, Gewohnheiten, Verhalten, Werte, Ziele und Beziehungen zu hinterfragen. Nichtsdestotrotz kann gerade in solch intensiven – auch post-jugendlichen – Phasen eine Pause wohltuend sein. Eine Pause vom Gedankenkarussell ums eigene Ich.

Zwischendurch mal den Spiegel abhängen. Die konkrete Situation hat mich zum     Nachdenken angeregt – und von Neuem gezeigt: Manchmal gibt es für Probleme ganz einfache Lösungen!

Mirjam Duff, Theologin an der FHNW

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