Was kommt Jugendlichen in den Sinn, wenn man sie im Unterricht mit diesem Satz aus dem «Vater Unser» konfrontiert? Können sie mit Begriffen wie Erlösung, Errettung, Befreiung und Heil überhaupt etwas anfangen? Fühlen Sie sich in irgendeiner Form erlösungsbedürftig?

Wie es zu meinem Lehrerjob so gehört, der Lehrplan drängt einen von Thema zu Thema, erfahre ich vieles schneller als mir lieb ist. Manchmal durch Statements und reger Teilnahme an Diskussionen, in anderen Fällen auch durch Schweigen und im schlechtesten Fall durch Unterrichtsstörungen. Im Heft, das ich zum Thema beackert habe, steht, dass die Jugendlichen darauf mit Vorliebe antworten, dass sie vom Religionsunterricht oder von der Schule allgemein erlöst werden möchten. Na toll!

Soviel vorweg: Davon ist in keiner der beiden Klassen etwas zu sehen, als ich sie damit in den Stunden, in denen es eigentlich um Erlösungsdenken in indischen Religionen gehen soll, konfrontiere.

Zur ersten Klasse: Befreiung von Pandemien, Hungersnöten und Kriegen, das ist Erlösung. Aber wer soll uns erlösen? Es handelt sich dabei um Übel, deren Bekämpfung sich Joe Biden in seiner Inaugurationsrede oder, umfassender, die UNO in der Agenda 2030 verschrieben hat. Braucht es auch religiöse Erlösung?

Es geht mir zu wenig schnell vorwärts und ich konfrontiere die Klasse mit dem Gedanken, dass wir ja sterblich, ohnmächtig, schlicht nicht perfekt sind. Danach schaue in etwas ungläubige Gesichter, denen es vielleicht nicht ganz wohl ist mit dem Thema. Auf jeden Fall, meldet sich dann der sprechfreudigste Schüler der Klasse etwas verlegen, brauche es eine höhere Macht, wenn es so eine Erlösung geben sollte. Das ist dann auch Konsens.

Anders in der zweiten Klasse mit religionsaffinen Freifach-Schülern. Bereits ihre Definitionen – «Erlösung ist das Abfallen aller Last» oder «Erlösung ist ein warmes Gefühl des Aufgefangen-Werdens» – scheinen mir dem christlichen und wohl auch dem hinduistischen Erlösungsverständnis gut nahezukommen. Es entwickelt sich eine interessante Diskussion.

Nur schon der Unterrichtseinstieg zeigt: Ungewohnt ist das Thema zwar allemal, aber es lässt sich durchaus thematisieren. Eine Schulstunde lang klappt es zumindest wunderbar. Die zweite Klasse ist danach vom Unterricht befreit, für die erste geht es weiter mit Französisch. Hoffentlich Futur!

Peter Lötscher, Beauftragter für Religion an der Kantonsschule Wohlen

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