Gestern war wiedermal so ein Tag. Ganz unverhofft kam ich wieder in Berührung mit so einem «heiklen» Thema. In einer Vorbereitungssitzung für ein Weekend für Jugendliche wurde eine Geschichte vorgeschlagen, in der es unter anderem auch um Sexualität ging. Bald kamen in der Runde Bedenken auf, ob diese Geschichte im kirchlichen Kontext wirklich geeignet sei, da es dabei eben auch um Sexualität geht und das sei ja bekanntlich ein «heikles Thema» in der Kirche. Es folgte eine spannende Grundsatzdiskussion.

Als kirchliche Mitarbeiterin werde ich immer wieder damit konfrontiert: Die Rolle der Frau in der Kirche – «schwieriges Thema». Sexualität – «heikles Thema». Liebe gleichgeschlechtlicher Paare – «schwierig, schwierig». Seit kurzem topaktuell in dieser Liste: der Segen. Um nicht die ganz, ganz tiefen Wunden in unserer Kirche anzusprechen: Sexueller Missbrauch und Machtmissbrauch – sie verschlagen mir oft die Stimme. Doch Achtung! Reden ist zwar bekanntlich nur Silber, doch schweigen macht krank. So jedenfalls aus meiner eigenen Erfahrung.

Ein Blick in die Medien ermutigt mich. Auf kath.ch lese ich, dass sich Bischof Felix Gmür öffentlich für das Frauendiakonat ausspricht. Und er steht nicht allein damit. Später dann ein Artikel auf 20min. Der Zürcher Seelsorger Meinrad Furrer spendet öffentlich einen «Segen für alle».

Mutig, denke ich mir. Und wenn es um Mut geht, steht da ja auch immer eine Gefahr im Raum. Dinge auszusprechen, die andere in der Kirche nicht hören wollen, birgt die Gefahr, innerhalb der Kirche den eigenen Platz zu verlieren. Diese Gefahr bringt Einige zum Schweigen. Doch das Schweigen birgt, meiner Meinung nach, wiederum eine andere Gefahr, nämlich dass die Kirche ihren Platz in unserer Gesellschaft verliert.

Die schwierigen und heiklen Themen, sie werden uns wohl noch lange begleiten. Viele hoffen auf Veränderungen. Ich auch. Und bis dahin würde ich vorschlagen: Weichen wir diesen «schwierigen» Themen nicht aus. Machen wir sie nicht zu Tabu-Themen, denn sie bewegen und gehören zu uns Menschen, unserer Gemeinschaft und unserer Kirche einfach dazu.

Finden wir unsere Stimme zu diesen Themen. Stellen wir als Kirche dabei nicht krankhaft die Sünde in den Mittelpunkt, sondern das, was der Mensch braucht für die eigene Gesundheit, für ein erfülltes Leben. Aaron Antonovsky prägte im medizinischen Bereich den Begriff der Salutogenese. Es ist der komplementäre Begriff zur Pathogenese. In dieser Sichtweise der Medizin geht es um Faktoren und Wechselwirkungen, die zur Entstehung und Erhaltung der Gesundheit führen.

Nehmen wir doch die Sicht der Salutogenese auch in unserer Kirche ein. Die heiklen und schwierigen Themen brauchen dringend Stimmen, die das Lebenserfüllende und Gesunde von Beziehungen in den Mittelpunkt stellen. Eine «gesunde» Kirche braucht Frauen wie Männer. Ein gesunder Mensch braucht Liebe. Jeder Mensch verdient Respekt und Kinder brauchen Schutz, um sich gesund zu entwickeln. Jeder Mensch soll seine eigene Meinung haben dürfen und sie auch aussprechen können – auch in unserer Kirche. Und be- oder verurteilen wir nicht liebende Beziehungen. Oder wie es Kardinal Schönborn so schön sagte: Schauen wir doch weniger ins Schlafzimmer, sondern viel mehr ins Wohnzimmer der Menschen.

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