Wenn morgens um halb acht diese Durchsage am Bahnhof zu hören ist, dann gefriert manchen das Blut in den Adern. Die Pendler*innen schauen sich an, manche fluchen, andere heben bloss die Augenbrauen. Alle wissen: Jetzt wird’s eng in der S-Bahn. Zwei Zugkompositionen statt deren drei bedeuten: Zehn Minuten Fahrt in der Sardinenbüchse. Dicht an dicht stehen, und beständig darauf hoffen, dass niemand im näheren Umkreis einen Hustenanfall oder eine Niesattacke bekommt. Für viele wäre das Stress pur, trotz Schutzmaske. Leise Panik kommt auf: Hoffentlich werde ich jetzt nicht mit Corona oder sonst was angesteckt!

Da ist auf einmal nicht nur der Zug verkürzt, sondern auch unser Geist. Die Sicht wird enger. Fremde und selbst Bekannte werden plötzlich in erster Linie als mögliche Bedrohung betrachtet. Argwohn statt Vertrauen. Zu viel Nähe kann ja in er Tat bedrohlich sein. Bei möglicher Gefahr reagieren Menschen typischerweise mit Kampf, Flucht oder «Totstellen». Das war schon bei den Höhlenbewohner*innen so. Es ist auch bei den heutigen Zugfahrenden nicht anders. «Totstellen» im vollen Zug. Blick auf’s Handy, auf die Lektüre oder auf den Rucksack der Person vor deinem Gesicht. Kaum Gespräche. Den Blicken der anderen ausweichen. Dann endlich aussteigen, Maske runter, erleichtertes Aufatmen und Flucht aus der Bedrohung. Gerade nochmal gutgegangen.

Schon seltsam, wie wir Menschen funktionieren. Es wäre doch viel angenehmer, wenn wir solche Situationen entspannt und locker angehen könnten. Meine Sinneskanäle nach aussen nicht abschotten, sondern wach und präsent sein. Mit den Menschen um mich herum in einer gefühlten Verbindung bleiben. Aus dem Zugfenster schauen und mich über den farbigen Morgenhimmel freuen. Das begonnene Gespräch mit den Mitpendler*innen weiterführen. Lächeln. Jemandem ein Kompliment für den stylischen Rucksack oder die kunstvolle Frisur machen. Mir meinen Geist nicht verkürzen lassen. Oder – würde ich so wohl als Gefahr angesehen?

Hm, das wäre doch mal einen Versuch wert. 😊

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